Biographie

 

14. Januar 1943

Albert Scopin wird geboren als Albert Schöpflin
in Freiburg i. Breisgau

1963 – 66

Lehre und Studium

15. Juli 1966

Abbruch des Studiums

1966 – 67

Fotoassistenz in verschiedenen Studios

1967– 69

Studium an der Staatslehranstalt für Fotografie München

1969

Umsiedlung nach New York, Assistenz bei den Fotografen Mikel Avedon und Bill King. Während der Assistenzzeit bei Bill King drehte Andy Warhol in dessen Studio Szenen für seine Filme »Trash« und »Flash«. Albert Schöpflin bekam Kontakt zur »Warhol Crowd« und nahm sich ein Appartement im heute legendären Chelsea Hotel

1969 – 71

Wohnen und Arbeiten im »Chelsea Hotel«, damals eine Art Lebensgemeinschaft, zu der unter anderen auch Patti Smith und Robert Mapplethorpe gehörten

1971 – 73

Gründung der »Yonah Yeend Film«. In einem Team aus Freunden produziert und dreht Albert Schöpflin Dokumentarfilme im und über den New Yorker Kulturuntergrund aus akademiefernen Intellektuellen, Freaks, Drop-Outs, Dichtern, Musikern und bildenden Künstlern. Es entstehen unkonventionelle Filme über Straßentheater, Graffitimalerei oder die Anfänge der Videokunst

1974

Wegzug aus New York nach Hamburg. Arbeit an einem Film über »Büromenschen«

1974

Aus Hamburg wird Frankfurt, die Bewegung der Bilder im Film wird gestoppt. Dem stehenden Bild der Fotografie gilt alle Hinwendung, ein professionelles Studio wird eingerichtet. Albert Schöpflins Blick auf die Menschen beeindruckt die Art Buyer der Agenturen und die Redaktionen der Magazine und Zeitschriften

1978

Heirat mit Gisela Szemere. Die Kinder Nikola, Stefanie und Christian werden geboren

 

1980

Als Ausgleich zur betriebsamen Hektik – ausgebuchte Studiotermine und Fotoreisen mit großen Teams –beginnt der Fotograf zu zeichnen. Das hilft, um zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Der Blick auf
den Anderen, vorzugsweise in den Grautönen der Schwarzweiß-Fotografie, erfährt durch das Zeichnen eine radikale Perspektivumkehr und führt in experimenteller Vorgehensweise zum Erforschen der Zugänge ins eigene Innere.

Ein Museumleiter fand später für Scopins Arbeiten

aus dieser Zeit den Begriff »Psychogramme«

1985

Umzug nach München. Zeichnen und Malen werden immer wichtiger im bildnerischen Schaffen Scopins

1986

Arbeit am Film und am Buch »Objekte sehen nicht«, eine Auseinandersetzung über angewandte Fotografie

1983 – 88

Dozent (1983 – 86 Freier Dozent) an der Fachhochschule für Gestaltung in Darmstadt

1990

Entscheidung für ein ausschließlich freies künstlerisches Schaffen. Scopin arbeitet nun intensiv und kompromisslos sensuell, körperlich-direkt. Das Atelier

in Seeshaupt am Starnberger See kommt ohne Telefon und Fax aus, die Kameras müssen für immer in den Schrank

2004 – 2010

Umsiedlung nach Riehen (Schweiz), Abschluss der introspektiven Schaffensphase, zugleich Rückkehr in die Region der Kindheit und Jugend. Die Geschwister Hans W. Schöpflin, Heidi Junghanss Schöpflin und Albert Schöpflin beschliessen die Gründung einer Stiftung mit Sitz auf dem elterlichen Anwesen in Lörrach-Brombach. Die Stiftung widmet sich der Drogenprävention, sie fördert eine Kinderkrippe und einen Kinderhort, sie unterhält den »Werkraum Schöpflin«

2010

Scopins Zeichnungen und die Malerei werden farbig. Aus den persönlichen Psychogrammen werden Psychogramme einer Gesellschaft, die sich, verursacht durch die digitalen Technologien, radikal verwandelt und neu strukturiert

Ab 2012

Arbeiten mit Asphalt…

 

Die Welt des Albert Scopin

Valeska v. Roques

 

Albert Scopin hat in den gut 20 Jahren seines Wirkens als Zeichner und Maler ein sehr eigenständiges Œuvre geschaffen. Seine Handschrift ist tatsächlich unverwechselbar – signethaft. Als »Psychogramme« werden seine Bilder oft bezeichnet – eine Einschätz-ung, die der Künstler richtig findet. »Meine Arbeiten sind«, so sagt er, »die Ergebnisse meines Kampfes um Identität, sind Stationen meines eigenen Weges.« Der kann nicht einfach gewesen sein. Besonders im Frühwerk üben sich Scopins menschenähnliche Figuren in allerlei Formen einer gegen sich selbst gerichteten Aggression, ein Beispiel: Ein Scopinscher Homoid gleitet auf einem Surfbrett in ein Nirgendwohin, während er seinen eigenen Kopf unter dem Arm trägt; »Sie sollten mehr Einsatz bringen, Herr Kollege!« fordert der Titel der Zeichnung, und man vernimmt daraus einen schneiden-den, keineswegs kollegialen Ton. Nein, Scopins Welt ist nicht ansprechend – jedenfalls nicht im harmlosfreundlichen Sinn des Wortes. Seine Darstellungen zeigen einen entfremdeten, verlorenen, überforderten homo modernus.

 

Als Scopin – nach etlichen Daseinsmetamorphosen – endlich anfing zu zeichnen und zu malen, wollte und musste er die untergegangenen Welten seiner Kindheits- und Pubertätsängste irgendwie nach oben bringen. Dabei hilft ihm seine linke Hand, er sagt: »Die Linke gibt mir die Möglichkeit, nach innen zu kommen – ich nehme einen Stift zur Hand, gähne zweimal, dreimal und versuche mich meiner linken Hand zu überlassen, ich muss vergessen zu wollen und zu denken, ich muss mich lassen, möglichst lange lassen, bis mich jemand stört oder ich mich selbst störe, dann endet der Zustand dieses schönen Wegseins, und man schaut gespannt auf das, was man da gemacht hat. Um aber dahin zu kommen, muss man diszipliniert arbeiten.« Ein schwieriger Vater war wohl die entscheidende Figur in diesem Psychodrama, noch auf Jahre nach dessen Tod. »Er hat die Repressionen, die er selbst in seiner Kindheit erlitten hat, an mich weitergegeben – in mir spiegelte er ängstlich das, was er an sich selbst ablehnte«, sagt Scopin, 1943 in Freiburg geboren, bürgerlicher Name Albert Schöpflin. Mit seinen Kindern war der Vater zum Teil sehr hart. Seinen Jüngsten, Albert, nahm er besonders an die Kandare, weil der junge Mann ihm zu weich und zu versponnen erschien. Nach Schule und Lehre begann eine Zeit verzweifelter Versagensängste, weil er den Anforderungen der Umwelt nicht genügen konnte. Scopin versuchte Betriebswirtschaft zu studieren, aber seine inneren Systeme streikten, » ... es war ganz furchtbar, ich hatte keine Ahnung, wieso das so war. Ich fühlte mich zu Grafik und Fotografie hingezogen. Mit Hilfe meines Bruders konnte ich dann bei meinem Vater durchsetzen, in einem Fotostudio zu arbeiten.« Später Studium an der Staatslehranstalt für Fotografie in München.

 

Aber die Krise dauert an. »Ich fühlte mich fremd, nichts war richtig für mich. Ich konnte mich nicht selber fühlen und deshalb auch nicht finden«, sagt er heute. Das beklemmen-de Gefühl der Unwirklichkeit, wenn auch längst überwunden, sollte Jahrzehnte später noch eindringlich aus Scopins Zeichnungen sprechen. Damals wollte er einfach weg, weit weg, wo ihn niemand kannte, wo er von vorne anfangen konnte. Seine Wahl war New York. »Es war die Underground-Szene der Stadt, die alle Werte auf den Kopf stellte, die einen selbst auf den Kopf stellte, einsog und ausspuckte, wie zum Spiel, bis ich an meinen alten anerzogenen Vorstellungen zerbrach, das war beängstigend und gleichzeitig total befreiend, danach musste ich mich wieder neu zusammensetzen und irgendwie ist das dann so geblieben.« Scopin hauste wie andere kreative Einzelgänger vor und nach ihm im schon damals ziemlich heruntergekommenen Chelsea Hotel an der 23. Straße. Robert Mapplethorpes Fotoatelier war da, genauso wie die ganz junge Patti Smith, die drei wurden Freunde – »ich glaube sie fanden mich eigentümlich und ich sie, von Patti ging eine ganz eigene Energie aus, wie ich sie später nie mehr erlebte«, sagt Scopin. Zu der Zeit arbeitete er bei dem bekannten Modefotografen Bill King, der wiederum Warhol und seiner glitzernden Crowd eng verbunden war. In Kings Studio drehte Warhol Teile der Filme »Trash« und »Flash«. Scopin erinnert sich: »Endlich lernte ich all die Leute kennen, die ich kennen wollte, für Augenblicke war ich einer von ihnen, es war ganz leicht, wir waren alle irgendwie gleich.«

 

Doch die Modefotografie und die Crowd waren nicht das Ende seiner Entwicklung,
ein nächster Schritt war fällig. Albert Scopin wandelte sich zum Dokumentarfilmer und gründete mit Freunden die Yonah Yeend Filmproduktion. In einem Dreier-Team entstanden in New York alternative Kulturberichte für deutsche Fernsehsender, Themen außerhalb des Blickfelds der bestallten Korrespondenten. Beiträge über politische Wandmalereien in den Gettos der großen amerikanischen Städte, über politisches Straßentheater, über eine autonome Schule, von Müttern aus East Harlem gegründet und geführt, oder über eine feministische Liedermacherin und schließlich der erste im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film über Graffiti und die Kids, die sie sprühen.

 

Mitte der siebziger Jahre: Rückkehr nach Deutschland, Beginn einer quasi bürgerlichen Phase im Leben des Künstlers. Er heiratet Gisela Szemere, seine wohlorganisierte Assistentin, die ihm geholfen hatte, in Frankfurt ein Studio für Werbefotografie aufzubauen. Drei Kinder werden in kurzer Folge geboren, Nikola, Stefanie und Christian. Man lebt im Taunus, Erfolg stellt sich ein: Aber das, was anderen Erfüllung wäre, bringt dem introvertierten Scopin eher Unbehagen als Glück. Dass er unter den coolen Werbemenschen reüssiert, macht ihn nicht zufrieden, sondern misstrauisch. Innere Warnlichter flackern auf. Scopin erlebt sich wiedermal als fremdbestimmt: eine Lage, die ihm tiefes Unbehagen bereitet, die seinem Konzept von sich selbst zutiefst widerspricht. Seine Frau überredet ihn, nach München umzuziehen – das tut er auch. Aber was er eigentlich braucht, ist das Alleinsein. Ganz unauffällig endet die Phase der Fotografie, er möchte zeichnen und malen, d. h. seine Bilder machen. »Ich ziehe mich nach Seeshaupt zurück, neues Studio, kein Telefon, kein Fax, kein Mensch, nur die moorigen Osterseen sind in der Nähe. Ich arbeite sehr leicht, sehr konzentriert, ich habe sehr viel Kraft, ich bin glücklich.« Scopin zeichnet und malt, für ihn ein Pfad der Selbstfindung, auf dem ihm endlich glückt, was er sich so gewünscht hat, er macht seine eigenen Bilder.
»Es  beginnt ganz leise, ich zeichne, um meine eigenen Gefühle, meine eigene Person wahrzunehmen«, sagt Scopin über seine erneute Metamorphose, über den wohl endgültigen Aufbruch in ein Leben, das wirklich ihm gehört.

 

Was geschieht, wenn er arbeitet, hat Scopin in einem Gespräch mit Reinhold Mißelbeck und Rainer Wiek, den Herausgebern des ersten umfassenden Bandes über sein Œuvre, erschienen 1992 im Braus Verlag, Heidelberg, in unmittelbarer, untheoretischer Sprache vermittelt. »Es fängt damit an, dass man sich bei der zeichnerischen Arbeit eigentlich seiner selbst entäußert. Es ist eine Art Entrückung – Entrückung heißt, sich von dem kontrollierenden, zensierenden Teil des Gehirns, dem sozialisierten Teil des Ich zu befreien, damit das Gefühl herausfließt. Wo das Hirn Regie führt, mache ich mir etwas vor, merke sofort, dass ich herumalbere. Zeichnen ist mein Versuch, möglichst wenig bei Verstand zu sein.« Scopin beginnt, indem er mit Fettstift zwei schwarze Linien auf gelbliches Papier setzt, die dann gleichsam ein Eigenleben entwickeln: »Ich will einen Kampf der Linien: Die Linien auf dem Papier müssen sich entweder weh tun, oder sie müssen sich mögen; sie machen die Zeichnung aus. Die Linien sind Ausdruck eines Gefühls, sie sind für mich Lebewesen, die zueinander in Beziehung treten, sich abstoßen und aufeinander zugehen. Wenn ein abstraktes Rund durch zwei Augen zum Gesicht wird, dann erleichtere ich mir durch diese Gegenständlichkeit den Zugang. Aber Gegenstände kann ich nicht malen; ich kann keine Blumen malen. Mein Thema ist die Gefühlswelt. Ich kann nur malen, was ich fühle, kann nur malen, was ich bin.« Wobei es natürlich nicht um Selbstdarstellung geht. Scopins Zeichnungen transzendieren sein Einzelschicksal und werden in unendlichen Variationen zu Aussagen über menschliche Grundsituationen, existentielle Mitteilungen über Qualen des Individuums, in seiner Verzweiflung, in seiner Ich-Verstümmelung, in seiner Isolation. Aber das gilt eher für Scopins frühes Werk.

 

In den jüngsten Jahren sind Veränderungen zu erkennen. Der Vereinzelung wird entgegengewirkt. Die Zeichnungen wirken ruhiger, mehr verankert – und sei es, durch einen ovalen Kreis, in dem Scopins Figuren einen sicheren Halt finden. Die Hilflosigkeit, die Qual seiner Gestalten ist weniger vorherrschend. Sie haben, so scheint es, ihren eigenen Raum entdeckt. Albert Scopin, spät zum bildlichen Schaffen gelangt, hat einen unverwechselbaren Beitrag zur deutschen Gegenwartskunst geleistet. Zum großem Erfolg hat er ein durchaus ambivalentes Verhältnis. Lob »verunsichert und stört« ihn eher, als dass es ihn antreibt, sagt er. Immerhin wusste er es zu schätzen, als das Museum Ludwig in Köln eine Zeichnung von Scopin erwarb – gleich während seiner ersten großen Ausstellung in der Städtischen Galerie in Regensburg im Jahr 1992. Im Jahr darauf eine weitere umfassende Ausstellung im Kunstverein Ingolstadt, mit sehr guter Reaktion der Fachkritik. 1994 zeigt die Pariser Avantgarde-Galerie K-ART seine Werke, weitere Ausstellungen folgen – Dachau, Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe. In
der Ausstellung in Lörrach, 2004, in der Villa Aichele und in der Galerie Glatzl präsentiert sich Scopin als gereifter Künstler in der ganzen Vielfalt seines Talents. Danach, wieder einmal, der Rückzug aus der Malerei und eine Umsiedlung nach Riehen (Schweiz), es beginnt der Aufbau der familieneigenen Stiftung mit seinem Bruder Hans W. Schöpflin und der Schwester Heidi Junghanss.

 

2010 kehrt Scopin zurück zu Zeichnung und Malerei, – er ist jetzt farbig, die Bilder sind nahezu heiter. Eine ungewöhnliche Veränderung seiner Umsetzung in Bildsprache hat stattgefunden.

Kontakt / Impressum:

 

Albert Schöpflin Scopin

Am Ausserberg 24

4125 Riehen / Basel

Schweiz

+41 61 6014180

albert.schoepflin@bluewin.ch